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Erstellt am 8. März 2013

Mit China kann man es ja machen

Mal sind es Spielwaren, die aus dem Handel genommen werden müssen, mal sind es Dekorationsartikel, mal sind es ganze Weihnachtsbäume. Dieser Tage sind es wieder einmal ganze Weihnachtsbäume. Plastikweihnachtsbäume, um genau zu sein. Fernbedienbare Plastikweihnachtsbäume.       

Ein Händler in den USA ruft seit letzter Woche gleich ein Dutzend verschiedener Modelle zurück. Das Empfangsteil der Bäume kann sich angeblich überhitzen und dann schmelzen. Die fernbedienbaren Bäume stellen eine Gefahr dar. Und gefertigt worden sind sie natürlich in China.1

Weihnachtswaren kommen meistens aus China. 80 Prozent der Weltproduktion kommen allein aus den beiden Provinzen Guangdong und Zhejiang.2 Es ist nur logisch, daß auch fehlerhafte Weihnachtswaren meistens aus China kommen. Verbraucherschützer im Westen haben sich auf China eingeschossen, aber im Westen hat man halt leicht reden. Fehler macht natürlich nur der, der überhaupt noch etwas macht.

Die Verbraucherschützer im Westen suchen die Fehler, und sie finden sie auch. Wenn etwa Plastikweihnachtsbäume nicht ganz aus Plastik sind, versteckt sich in den Holzelementen vielleicht ein gefürchteter Schädling.3 Wenn etwa Plastikspielwaren nicht ganz aus den richtigen Kunststoffen bestehen, entfalten die falschen Kunststoffe vielleicht die Wirkung von K.-o.-Tropfen.4 Die Verbraucherschützer sind mißtrauisch geworden. Die Verbraucher sind mißtrauisch geworden. China ist zu allem fähig.

Oft muß ein wirklicher Fehler gar nicht mehr vorliegen. Ein bloßes Gerücht genügt. Oft müssen Waren schon deshalb aus dem Handel genommen werden, weil die Kundschaft im Westen nur glaubt, daß mit ihnen etwas nicht stimmt. In Dänemark etwa gab es 2009 den Fall mit den verleumdeten Tierfiguren. Die Supermarktkette Netto bot kleine fellbesetzte Rentiere und Eichhörnchen als weihnachtliche Tischdekoration an, doch eine anonym kursierende SMS behauptete plötzlich: das Fell stamme von lebend gehäuteten Hunden und Katzen.5

Julepynt Netto 2009

Werbung für Tischpelztiere von Netto, Dänemark 2009

Und in England gab es, auch im Jahr 2009, den Fall mit der angeblich pädophilen Weihnachtsmaus. Eine Spielzeugmaus, die auf Knopfdruck “Jingle Bells” sang, wurde von einer überbesorgten Mutter mißverstanden. Die Mutter glaubte, aus dem Gesang der Maus den Refrain “Paedophile, paedophile” herauszuhören.6

Sowohl die Mutter als auch der Verfasser der anonymen SMS waren nachweislich im Unrecht. Doch die Supermarktkette Netto zog ihre Tischdekorationstiere trotzdem vom Markt zurück, und der englische Händler seine singende Weihnachtsmaus ebenso. Bereits der Schatten eines Verdachts macht chinesische Waren im Westen unverkäuflich.

Und China läßt es sich gefallen. Noch. Aber vermutlich nicht ewig. Am 28. Februar 2013 wurden in den USA die fernbedienbaren Weihnachtsbäume aus China zurückgerufen, am 5. März 2013 kam eine Meldung aus Schanghai, die vielleicht ja schon andeutet, wie man auf westliche Verbraucherschutzschikanen in Zukunft zu antworten gedenkt: mit östlichen Verbraucherschutzschikanen nämlich. Wegen angeblicher Qualitätsmängel wurden unter anderem 2 Tonnen Schokoladenkuchen von Ikea und 2,7 Tonnen Schokoriegel von Nestlé beschlagnahmt und vernichtet.7

  1. Balsam Hill Recalls Pre-lit Christmas Trees Due to Burn and Shock Hazards, United States Consumer Product Safety Commission, 28. 02. 2013
  2. World’s major Chirstmas commodity supplier hungry for innovation, China Daily, 26. 12. 2009
  3. wie im Jahr 2004 der Bockkäfer Callidiellum villosulum, siehe: Pest Alert: Brown Fir Longhorned Beetle found in artificial Christmas trees, The Massachusetts Introduced Pests Outreach Project, 14. 01. 2005
  4. wie im Jahr 2007 im Fall der australischen Marke Bindeez, siehe: Spielzeug setzt Kinder unter Drogen, Weihnachtskatastrophenbuch S. 157 ff.
  5. Furry Christmas everybody, Jyllands-Posten/Copenhagen Post, 27.10.09
  6. siehe: Weihnachtsmaus des Mißbrauchs verdächtigt, Weihnachtskatastrophenbuch S. 126 ff.
  7. China destroys Ikea cake, Nestle chocolate, Saudi Gazette (AP), 5. März 2013>