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Erstellt am 1. Februar 2013

Die Niederlande, der Nikolaus und der Mohr

Ein Schiff legt im Hafen an, und es bringt hohen Besuch. Ein Mann im Bischofsornat geht von Bord. Er wird erwartet. Tausende von Menschen jubeln ihm zu. Der Mann besteigt ein weißes Pferd und reitet im Festzug durch die Stadt.

Es ist Mitte November, die Stadt liegt in Holland, und der Festzug ist nur der erste von Hunderten, die nun überall im Land stattfinden werden. Der Mann ist der Sinterklaas: der heilige Nikolaus. Der Sinterklaas ist gekommen, um den Kindern die Geschenke zu bringen. Und sein Besuch ist für die Holländer Jahr für Jahr das größte Ereignis, das es überhaupt zu feiern gibt.     

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Einzug des Nikolaus in Leeuwarden, 18. November 2012 (Photo © Humphrey Paap)

Drei Wochen dauert der Besuch insgesamt. In Holland ist nicht erst am 24. Dezember Bescherung, sondern schon am 5.: am sogenannten Sinterklaasdag. Drei Wochen lang feiert Holland den heiligen Nikolaus mit Umzügen und Straßenfesten und Saalveranstaltungen. Der Empfang im Hafen ist der festliche Auftakt, die Bescherung der Kinder am Sinterklaasdag der krönende Abschluß. Kein anderer Brauch ist den Holländern so lieb und so teuer.1 Doch seit einigen Jahren, da haben sie mit ihrem Lieblingsbrauch ein Problem.

Der Nikolaus kommt nicht allein. Er hat einen Gehilfen. Das ist der Zwarte Piet, der Schwarze Peter. Vor langer Zeit, als der Nikolaus noch strenger war, hatten die Kinder allen Grund, sich vor dem Zwarten Piet zu fürchten. Ein Kind, das sich nach Meinung des Nikolaus schlecht betragen hatte, steckte der Zwarte Piet nämlich in einen großen Sack. Aber daran erinnern sich heute allenfalls noch die Großeltern; der Nikolaus ist milde geworden, und sein Gehilfe tut keinem mehr etwas zuleide. Der Zwarte Piet hat sich vom Kinderschreck zum Kinderfreund gewandelt. Und er hat sich vervielfacht. Wenn der Nikolaus heutzutage mit seinem Schiff anlegt, hat er gleich Dutzende von Zwarten Pieten im Gefolge. Sie begleiten ihn auf seinem Festzug durch die Stadt. Sie sitzen in Umzugswagen und werfen Süßigkeiten in die Menge. Sie bilden Spielmannszüge und marschieren vor und hinter ihm her.

Der Nikolaus ist die offizielle Hauptperson, der Zwarte Piet ist die heimliche. Er ist der gute Geist. Er macht die Arbeit, er ist lustig, er begegnet einem auf Schritt und Tritt. Er begegnet einem im Fernsehen und in Zeitungsanzeigen, er begegnet einem in Schaufenstern und auf Plakaten. Er trägt eine Art Dienstuniform. Es ist eine Dienstuniform aus dem 17. Jahrhundert, bestehend aus Wams und Kniebundhosen und Rüschenkragen und einer Haube, an der eine große Feder steckt. Es macht Spaß, sich als Zwarter Piet zu verkleiden. In der Nikolauszeit herrscht Karnevalsstimmung. Wenn der Nikolaus durch die Stadt zieht, hat auch im Publikum so mancher ein Zwarte-Piet-Kostüm an. Und alles wäre gut, wenn dieses Kostüm bereits die ganze Verkleidung wäre. Doch zur Verkleidung gehört noch mehr. Der Zwarte Piet heißt nicht umsonst so. Wer ein richtiger Zwarter Piet sein will, der muß sich auch noch schminken und eine Perücke aufsetzen. Die Schminke muß schwarz sein. Die Perücke muß schwarz und kraus sein. Vor hundert Jahren hätte man gesagt: Der Zwarte Piet ist ein Mohr wie aus dem Bilderbuch. Heute kann man es nicht mehr sagen, weil es Bilderbuchmohren kaum mehr gibt, weder in Bilderbüchern noch in der Wirklichkeit. Es gibt sie, und das ist das Problem, nur noch im holländischen Nikolausbrauchtum.


Einzug des Nikolaus in Leeuwarden, 18. November 2012 (Photo © Humphrey Paap)

Die Figur des Zwarten Piet ist alt. Sie trägt eine Dienstuniform aus dem 17. Jahrhundert, weil sie bis auf diese Zeit zurückgeht. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte man in Holland oft Schwarze als Diener. Ein schwarzer Diener war ein Statussymbol. Die Idee, auch dem Nikolaus einen zur Seite zu stellen, lag nahe. Im 19. Jahrhundert breitete sie sich aus. Der Brauch kam in die Welt. Die Welt hat sich seither geändert, aber der Brauch ist geblieben.

Seit bald 150 Jahren veranstalten die Holländer nun ihre Nikolausumzüge, und ebensolange ist auch der Zwarte Piet schon dabei. Die Gründe, aus denen er dabei ist, sind heute natürlich andere. Die Statussymbole sind heute andere. Natürlich glaubt man insbesondere nicht mehr, daß ein Diener nach Möglichkeit schwarz zu sein hat. Man glaubt ja auch nicht mehr an den Nikolaus, und trotzdem jubelt man ihm zu. Der Grund dafür, daß es den Zwarten Piet immer noch gibt, ist einfach der, daß es ihn schon so lange gibt. Nach 150 Jahren können die Holländer sich ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen.

Zwarte Pieten tanzen den Macarena, Veendam 2010

Der Brauch hat sich verselbständigt. Während Bilderbuchmohren überall sonst auf der Welt in Ungnade gefallen sind, hat einer von ihnen in Holland Karriere gemacht. Der Zwarte Piet ist zur Kultfigur geworden. Die Holländer lieben ihn. Sie kleiden und schminken sich wie er und tanzen in den Straßen. Ob sie ihn überhaupt noch als Mohren sehen, ist unklar. Ebensogut, sagen viele, könnte der Zwarte Piet ein Weißer sein, und zwar einer, der immer den Weg durch den Schornstein nimmt, wenn er die Geschenke bringt. Er könnte auch nur vom Ruß so schwarz sein. Es kommt nicht darauf an. Es ist nicht die schwarze Haut, die man lustig findet, es ist die schwarze Schminke.

Das Problem aber bleibt bestehen. Nicht alle nehmen dem Zwarten Piet seine Wandlung ab. Es gibt auch schwarze Holländer. Es gibt auch weiße Holländer, die sich für ihr koloniales Erbe schämen. Sie sind zwar nur eine Minderheit, doch sie machen sich bemerkbar. Sie rufen bei der Antidiskriminierungsstelle an. Sie beschweren sich.2 Sie erklären: Der Zwarte Piet ist Rassismus. Sie schreiben es auf ihre T-Shirts. Zwarte Piet is racisme. Sie gehen in ihren T-Shirts zum Nikolausumzug, sie protestieren, sie legen sich mit Ordnern und Polizisten an. Sie fordern: Der Zwarte Piet muß weg. Sie fordern es immer lauter. Die Vergangenheit beginnt, den Zwarten Piet einzuholen.

Proteste gegen den Zwarten Piet, Amsterdam 2011

Das Nikolausfest ist das größte Fest, das die Holländer haben. Es ist ihr Lieblingsfest. Es ist ihnen so lieb und wichtig, daß sie es selbst im Ausland feiern. Es gibt Nikolausumzüge in den USA und in Kanada. Es gibt Nikolausumzüge in früheren holländischen Kolonien. Es gibt sogar Bemühungen, das holländische Nikolausbrauchtum zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Die holländische Vertretung bei der UNESCO hat letztes Jahr Gespräche darüber aufgenommen.3 Die Gespräche dürften freilich schwierig werden. Während es im Inland nur eine Minderheit ist, die den Zwarten Piet nicht versteht, ist es im Ausland eine deutliche Mehrheit.

Der Zwarte Piet ist die Seele des Nikolausfests, aber wie sich zeigt, ist gerade diese Seele im Ausland nicht vermittelbar. Meldungen über Nikolausumzüge im Ausland sind aus holländischer Sicht oft traurige Meldungen: Ein Ausrichter in den USA etwa veranstaltet einen Umzug ohne den Zwarten Piet,4 und ein Ausrichter in Kanada, von dem man das ebenfalls verlangt, läßt den Umzug lieber gleich ganz ausfallen.5 In der früheren Kolonie Suriname erklären Politiker aller Parteien den Zwarten Piet zu einer Form von Rassismus.6 Die Lage ist verfahren. Es kommen schwere Zeiten auf den Zwarten Piet zu. Das Ausland hat, wie es scheint, den Stab über ihn bereits gebrochen.

Die Holländer lieben den Zwarten Piet, und sie werden ihn vermutlich auch weiterhin lieben. Die Gespräche über seine Aufnahme ins Weltkulturerbe allerdings: Die dürften wirklich sehr, sehr schwierig werden.

Literatur: John Helsloot, Zwarte Piet and Cultural Aphasia in the Netherlands, in: Quotidian. Dutch Journal for the Study of Everyday Life, Vol. 03 (2012)

  1. Sinterklaas tops Dutch tradition list, DutchNews.nl, 4. November 2008
  2. Niels Peuchen, Amsterdam klaagt minder om racisme Zwarte Piet, Algemeen Dagblad, 5. Dezember 2012
  3. Sinterklaas bij UNESCO-vergadering in Parijs, ANP, 5. Dezember 2012
  4. Matt Vande Bunte, Sinterklaas parade in Holland won’t have black-faced Zwarte Piet, Michigan Live, 7. Dezember 2012
  5. Margreet Strijbosch, No Sinterklaas without Zwarte Piet in Vancouver, Radio Netherlands Worldwide, 2. Dezember 2011
  6. Bruno Waterfield, Dutch Father Christmas’s blacked-up helpers banned for being ‘racist’ , The Daily Telegraph / London, 23. Dezember 2011